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Arztzeugnisse unter Druck – Branche liefert Lösungsansatz

Veröffentlicht am 08.06.2026 | von Dominique Durtschi

Steigende Absenzen, zunehmende Kritik an Arztzeugnissen und politische Vorstösse: Die Diskussion um krankheitsbedingte Ausfälle gewinnt an Schärfe. Während Politik und Öffentlichkeit noch nach Antworten suchen, entwickelt die Transportbranche gemeinsam mit compasso konkrete Lösungsansätze für die Praxis.

Arztzeugnisse sind fester Bestandteil des Arbeitsalltags und gleichzeitig zunehmend Gegenstand kritischer Diskussionen. In der politischen Debatte geht es um mangelnde Aussagekraft, fehlenden Bezug zur konkreten Tätigkeit und mögliche Fehlanreize. Entsprechend hat der Nationalrat eine Motion angenommen, die wirksamere Massnahmen gegen Gefälligkeits- und unzureichende Arztzeugnisse fordert.

Auch aus der Praxis werden ähnliche Stimmen laut. Unternehmen berichten von Situationen, in denen Absenzen lange dauern oder wenig differenziert beurteilt werden, mit spürbaren Auswirkungen auf Betrieb und Kosten. Die Herausforderung liegt auf der Hand: Wie lässt sich die notwendige medizinische Einschätzung mit den konkreten Anforderungen am Arbeitsplatz besser verbinden?

Der zentrale Perspektivenwechsel

Ein Kernproblem liegt im heutigen Systemverständnis. Im Fokus steht oft die Frage, ob jemand arbeitsunfähig ist oder nicht. Was in der Praxis jedoch fehlt, ist eine differenzierte Betrachtung:
Was ist eine Person trotz gesundheitlicher Einschränkung noch in der Lage zu leisten? Genau hier setzt ein neuer Ansatz an, weg von der pauschalen Arbeitsunfähigkeit, hin zur konkreten Arbeitsfähigkeit.

reWork: Struktur statt Vermutung

Mit dem reWork-Profil hat compasso ein Instrument entwickelt, das diesen Perspektivenwechsel ermöglicht. Im Zentrum steht ein strukturierter Austausch zwischen Arbeitgebenden, Mitarbeitenden und Ärzteschaft:

  • konkrete Beschreibung der Arbeitsanforderungen
  • medizinische Einschätzung der Belastbarkeit
  • Grundlage für eine schrittweise Rückkehr in den Arbeitsprozess

Das Ziel ist klar: Teil-Arbeitsfähigkeit fördern, Absenzen reduzieren und den Arbeitsplatz erhalten.

Der Ansatz bringt mehrere Vorteile: Er ermöglicht eine realistischere Einschätzung der tatsächlichen Einsatzmöglichkeiten von Mitarbeitenden, unterstützt eine frühzeitige Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess und trägt dazu bei, die Kosten für Unternehmen und Versicherungen spürbar zu senken.

Branchenlösungen: Praxisnah statt generisch

Damit dieser Ansatz im Alltag funktioniert, braucht es branchenspezifische Konkretisierung.

Genau hier kommt das Konzept der Branchenlösungen ins Spiel. Diese werden in Zusammenarbeit mit Verbänden entwickelt und auf die jeweiligen Tätigkeiten ausgerichtet. Ziel ist es, konkrete Job- und Tätigkeitsprofile bereitzustellen, die allen Beteiligten als gemeinsame Grundlage dienen. Damit wird aus einem allgemeinen Instrument eine praxisnahe Lösung, die direkt im Betrieb angewendet werden kann.

Transportbranche: Entwicklung läuft

Eine Arbeitsgruppe bestehend aus Branchenvertretern und der ASTAG erarbeitet aktuell gemeinsam mit compasso, der Suva eine solche Branchenlösung für das Transportgewerbe. Im Fokus stehen die spezifischen Anforderungen der Branche, etwa im Fahrbetrieb, in der Disposition oder im Umschlag –, die in geeignete Tätigkeitsprofile übersetzt werden.

«In der Praxis fehlt heute oft eine klare Grundlage, um Arbeitsfähigkeit differenziert zu beurteilen. Genau hier setzen wir mit der Branchenlösung an. Wir schaffen Transparenz über konkrete Tätigkeiten und ermöglichen damit realistische, praxistaugliche Entscheidungen für alle Beteiligten.»
DIGIROLAMO Franco
Franco Digirolamo, Mitglied der Geschäftsleitung ASTAG

Absicht der ASTAG

Ziel ist es, ein Instrument zu entwickeln, das:

  • einfach anwendbar ist
  • den Dialog zwischen Betrieb und Ärzteschaft erleichtert
  • eine schnellere und nachhaltigere Wiedereingliederung unterstützt

Die Präsentation der Branchenlösung ist für den AS-TAG im November vorgesehen.

Die aktuelle Diskussion zeigt: Der Handlungsbedarf ist erkannt – politisch wie wirtschaftlich. Mit der Entwicklung einer branchenspezifischen Lösung geht die Transportbranche einen Schritt weiter: Sie liefert konkrete Antworten auf ein Problem, das bisher vor allem abstrakt diskutiert wird.

Der Ansatz ist dabei entscheidend:

  • nicht mehr Kontrolle, sondern mehr Transparenz
  • nicht mehr pauschale Krankschreibungen, sondern konkrete Arbeitsfähigkeit
  • nicht mehr Systemdebatten, sondern pragmatische Lösungen im Alltag

Ausblick

Die Entwicklung steht noch am Anfang, das Potenzial ist jedoch gross. Sollte sich der Ansatz bewähren, könnte er nicht nur zur Entlastung der Unternehmen beitragen, sondern auch die Wiedereingliederung von Mitarbeitenden nachhaltig verbessern. Für die Transportbranche bietet sich damit die Chance, aktiv Gestaltungskraft zu übernehmen – und eine Lösung zu etablieren, die über die eigene Branche hinaus Wirkung entfalten kann.