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«Wohni»: Vom Migros-Lastwagen zum mobilen Rückzugsort für Ärzte in der Ukraine

Veröffentlicht am 16.03.2026 | von Timon Stalder und Corinne Blatter

Was einst als Familienprojekt begann, soll bald Leben retten. Der ehemalige Migros-Lastwagen «Wohni» von Daniel Zehnder bekommt eine neue Aufgabe: Das umgebaute Wohnmobil soll künftig in der Ukraine als Stützpunktfahrzeug für ein mobiles Spital dienen. STR hat zum Neuanfang von Woni mit Hans Zehnder gesprochen.

Die Geschichte von «Wohni» beginnt vor über zwanzig Jahren. Nach einer Scheidung lebte Daniel Zehnder mit seinen zwei kleinen Kindern ein Jahr lang in einem gekauften Wohnmobil. Das einfache Leben unterwegs gefiel ihnen sehr, doch die Qualität des Fahrzeugs überzeugte den Architekten und geübten Handwerker nicht. Für Zehnder war deshalb klar: Das nächste Wohnmobil würde er selbst bauen.

Vom Migros-Lastwagen zum Wohnmobil

Die Idee dazu kam aus dem Militärdienst. Ein Freund, damals Speditionschef bei der Migros St. Gallen, machte ihn darauf aufmerksam, dass mehrere Migros-Lastwagen verkauft werden sollten. Zunächst schien Zehnder das Fahrzeug viel zu gross für ein Wohnmobil. Doch die Ausstattung überzeugte: robuste Technik, gute Aufbauisolierung, eine Notstromanlage, Schleuderketten und Differenzialsperre.

Schliesslich durfte er bei der Migros Aargau eines der Fahrzeuge übernehmen – obwohl er damals noch gar keinen Lastwagen fahren konnte. Der Umbau dauerte ein ganzes Jahr, und allein das Material kostete über 100'000 Franken. Ziel war es, ein Fahrzeug zu schaffen, mit dem seine Patchworkfamilie mit vier Kindern eine Woche lang völlig autonom unterwegs sein konnte.

Beim Ausbau setzte Zehnder auf hochwertige Materialien, wie man sie sonst aus dem Hausbau kennt. Da es sich um ein Lastwagenchassis handelte, spielte auch das Gewicht eine geringere Rolle. Selbst mit 800 Litern Frischwasser an Bord blieb noch rund drei Tonnen Nutzlast. Nebenbei machte Zehnder auch noch den LKW-Führerausweis, um das Fahrzeug selbst fahren zu können.

Der rund zehn Meter lange Wohnbus auf NAW-Mercedes-Chassis wurde so zu einem vollwertigen Zuhause auf Rädern. Im Inneren befinden sich unter anderem ein Ess- und Wohnbereich mit vier Sitzplätzen, eine Küche mit Herd, Backofen und Kühlschrank, ein Badezimmer mit Lavabo, Dusche und WC, ein Eltern- und ein Kinderzimmer sowie eine Heckgarage für Ausrüstung.

Für Strom sorgen Photovoltaikmodule und Batterien, während Diesel- und Gasheizung auch bei kaltem Wetter für Wärme sorgen. So wurde «Wohni» zu einem komfortablen Zuhause – gebaut für lange Reisen und viel Familienleben.

Reisen quer durch Europa

Mit dem ungewöhnlichen Wohnmobil bereiste die Familie zahlreiche Länder. Neben vielen Touren in der Schweiz führte sie das Fahrzeug nach Schweden, Sizilien, Kroatien, Italien, Deutschland und besonders häufig nach Frankreich. Frankreich wurde für Zehnder zum Lieblingsland für Reisen mit dem Wohnmobil. «Die Leute dort sind sehr tolerant beim freien Stellen», erzählt er. Der ehemalige Migros-Lastwagen sorgte unterwegs regelmässig für Aufmerksamkeit. Besonders Schweizer reagierten überrascht, wenn sie im Ausland plötzlich ein Migros-Fahrzeug entdeckten. In den ersten Jahren kam es sogar vor, dass Menschen an die Tür klopften, weil sie glaubten, im Fahrzeug einkaufen zu können.

Viele Wochenenden verbrachte die Familie zudem in den Bergen beim Gleitschirmfliegen. «Wohni» wurde dabei zum rollenden Chalet.

Die schönsten Erinnerungen sind für Daniel Zehnder oft die einfachen Augenblicke: etwa an einem einsamen Strand in Schweden zu stehen, ein Lagerfeuer vor dem Fahrzeug zu haben und trotzdem allen Komfort dabei zu haben. Oder während eines wilden Gewitters im Lauterbrunnental im warmen Innern des Wohnmobils zu sitzen. Auch mitten in Paris zu stehen und die überraschten Blicke der Passanten zu beobachten, gehörte zu den besonderen Erlebnissen.

«Wohni ist einfach ein sehr gemütlicher Ort», sagt Zehnder rückblickend.

Ein neues Kapitel für «Wohni»

Heute sind die vier Söhne erwachsen. Zwar kommen die Enkel noch gerne mit auf Reisen, doch insgesamt wird das grosse Fahrzeug deutlich seltener genutzt. Statt den Lastwagen zu verkaufen, entschied sich Hans Zehnder deshalb für einen anderen Weg. Beim Lesen eines Zeitungsartikels über den Verein Swiss for Ukraine kam ihm eine Idee. Er nahm Kontakt mit der Organisation auf – und stiess dort auf grosse Freude über das Angebot. Der ehemalige Migros-Lastwagen soll nun nahe der Front in der Ukraine als Stützpunktfahrzeug für ein mobiles Spital dienen. Dort können Ärztinnen und Ärzte sich ausruhen, duschen oder etwas essen. Eine Aufgabe, für die das robuste Fahrzeug bestens geeignet ist.

Daniel Zehnder hat nur einen Wunsch: Dass «Wohni» auch diese Mission übersteht. Denn nach vielen Jahren voller Reisen und Erinnerungen beginnt für das besondere Fahrzeug nun ein neues Kapitel.