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Die Transportbranche benötigt dringend Planungssicherheit

Veröffentlicht am 30.03.2026 | von Dominique Durtschi

Geopolitische Spannungen, Fachkräftemangel, steigende Regulierung und anhaltender Kostendruck verändern die Spielregeln der Lieferketten grundlegend. In der neuen Publikation „Next Level Supply Chain“, die als Sonderbund mit dem Tages‑Anzeiger erscheint, ordnet ASTAG‑Direktor Reto Jaussi diese Entwicklungen ein. Er zeigt auf, weshalb der Strassentransport als Rückgrat der Wirtschaft besonders gefordert ist und wie KMU mit Weitblick, Innovationsbereitschaft und strategischem Mut ihre Resilienz stärken können.

Herr Jaussi, in der Supply Chain Community wird oft über Digitalisierung und KI gesprochen – am Ende muss die Ware aber physisch bewegt werden. Wie kritisch ist ein leistungsfähiger Strassentransport heute tatsächlich für die Systemstabilität der Schweizer Wirtschaft?

Der Transport ist zweifellos systemrelevant. Man muss sich eines verdeutlichen: Jedes Produkt, das wir konsumieren, befand sich zu irgendeinem Zeitpunkt auf der Ladefläche eines Lastwagens. Aktuell werden rund 80 Prozent des Gütertransports in der Schweiz über die Strasse abgewickelt. Wie fragil dieses Gefüge ohne funktionierende Logistik ist, hat die Pandemie eindrücklich gezeigt. Ein Blick nach England genügt, wo fehlende Chauffeure zu leeren Tankstellen und Versorgungsengpässen führten. In der Schweiz ist man sich dieser Abhängigkeit oft erst bewusst, wenn der Fluss stockt.

 

Globale Lieferketten gelten als fragil. Wo liegen aktuell die grössten Hürden im Schweizer Güterverkehr, die eine reibungslose Versorgung gefährden könnten?

Wir müssen jetzt gegensteuern, um die Resilienz der Lieferketten zu sichern. Ein zentraler Punkt ist der Ausbau der Infrastruktur, über den wir erst im November 2024 abgestimmt haben. Die Stauproblematik ist akut: Jährlich entstehen auf unseren Strassen 55'000 Staustunden – Tendenz stark steigend. Das belastet die Branche extrem, da jegliche Planbarkeit verloren geht. Das ist nicht nur wirtschaftlich fatal, sondern auch ökologisch unsinnig: Um die Liefergarantie trotz Stau einzuhalten, müssen oft mehr Fahrzeuge losgeschickt werden. Das schafft Ärger, belastet die Fahrer und senkt die Attraktivität der Branche für junge Talente massiv. Wir brauchen daher ein leistungsfähiges Tandem aus Schiene und Strasse, das nahtlos zusammenarbeitet.

 

Was sind die primären Anliegen, mit denen Ihre Mitglieder an die ASTAG herantreten?

Wir bearbeiten jährlich rund 10'000 Anfragen zu politischen, juristischen und arbeitsrechtlichen Themen. Ein «Hot Topic» ist die Weiterentwicklung der Leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA). Hier herrscht eine enorme Verunsicherung: Auf welche Technologie sollen Unternehmen setzen? E-Lkw sind aktuell von der LSVA befreit, aber die Branche braucht Investitionssicherheit. Solange nicht klar ist, ab wann und in welcher Form alternative Antriebe besteuert werden, blockiert das strategische Entscheidungen. Wir rechnen hier erst 2027 mit parlamentarischer Klarheit – eine unbefriedigende Situation für Betriebe, die jetzt investieren müssten.

Hinzu kommen die praktischen Hürden der Elektromobilität: Wo gibt es ein öffentliches Ladenetz? Reicht die eigene Stromkapazität auf dem Betriebshof aus? Zudem ist unsere Branche extrem heterogen. Ob Milch, Holz oder Gefahrgut – viele spezialisierte Fahrzeuge gibt es derzeit schlichtweg noch nicht mit Elektroantrieb, obwohl Ausschreibungen dies bereits fordern. Das ist teilweise unmöglich umzusetzen. Wir müssen zudem bedenken, dass 80 Prozent unserer Mitglieder Kleinstunternehmen mit einem bis zehn Fahrzeugen sind. Diese Firmen dürfen durch staatliche Eingriffe nicht vom Markt verdrängt werden.

 

Welche Rahmenbedingungen sind zentral, um die Zukunftsfähigkeit des Sektors zu sichern?

Die LSVA ist der Kostenfaktor schlechthin. Unsere Mitglieder wollen nachhaltig handeln, brauchen aber Planbarkeit. Ein Fahrzeug im Nahverkehr ist etwa zehn Jahre im Einsatz, im Stückgut sind es sieben. Das Parlament muss verstehen, dass Ideologien hier fehl am Platz sind. Es geht nicht um ein «Strasse gegen Schiene». Wir befürworten die Verlagerung, aber auch die Schiene hat Kapazitätsgrenzen. Am Ende ist der Kunde der Treiber des Geschehens. Um den Transformationsprozess Richtung «Netto-Null» zu meistern, müssen wir die KMU-Struktur der Branche schützen. Die Technologie geht klar Richtung Elektro, das zeigen alle Fachmessen. Wir als Verband sind hier selbst innovativ: Wir arbeiten an einem Projekt, bei dem Transportbetriebe ihre Ladeinfrastruktur via App «ASTAG Charge» anderen zur Verfügung stellen können. Parallel dazu unterstützen wir unsere Mitglieder bei der Nutzung von Bundesförderprogrammen. Wir müssen die Akteure überzeugen, sich jetzt mit dem Thema zu befassen – denn der Wandel kommt unaufhaltsam.

 

Welcher technologische Trend wird die Schnittstelle zwischen Verlader und Transporteur radikal verändern?

Während KI in der Lagerhaltung und Intralogistik bereits ein Riesenthema ist, sind die Grenzen beim physischen Transport enger gesteckt. Wir sehen das Potenzial primär in KI-gesteuerten Dispositionsprogrammen und der Verkehrslenkung. Ein weiterer spannender Trend ist die ökologische Optimierung durch Fahrassistenten. Hier setzen Betriebe vermehrt auf Gamification: Interne Rankings fördern einen effizienten Fahrstil und machen Nachhaltigkeit messbar und spielerisch erlebbar.

 

Ohne Fahrerinnen und Fahrer steht die Schweiz still. Wie wollen Sie das Image der Branche schärfen?

Eine HSG-Studie prognostiziert, dass bis 2032 rund 80'000 Fachkräfte im Supply-Chain-Bereich fehlen werden. Das ist alarmierend. Viele Menschen können mit dem Begriff «Supply Chain Management» kaum etwas anfangen, und das Image der Branche ist oft schlechter als die Realität. Dabei sind sich 80 Prozent der Bevölkerung durchaus bewusst, dass das Land ohne uns stillsteht.

Um hier gegenzusteuern, haben wir uns im Verein «Swiss Supply» mit anderen Verbänden zusammengeschlossen. Die Bandbreite von über 80 Berufen im Bereich Supply – vom Strassentransportfachmann bis zum Hochschulabsolventen – zeigt die enorme Palette unserer Branche auf.  Ein Lkw ist heute ein Hightech-Gerät, die Löhne sind anständig, und man geniesst als «eigener Chef» auf der Strasse eine hohe Autonomie. Wir fördern diese Awareness aktiv über Plattformen wie astag.ch und profis-on-tour.ch sowie durch die Präsenz bei den SwissSkills.